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    Gastbeitrag von Prof. Dr. Christian Geulen

     

    1964 konstatierte der Altphilologe Georg Picht eine „bundesdeutsche Bildungskatastrophe“. Die Zahlenverhältnisse haben sich seither zwar drastisch verändert. Doch die Lage der Bildung ist dramatischer denn je. Die Universitäten sind durch Pädagogisierung, Didaktisierung, Ökonomisierung zu bloßen Ausbildungsstätten geworden. Eine Streitschrift.

    Am gebildeten Menschen, so konstatierte Wilhelm von Humboldt einmal, wird sich die Verfassung eines Staates zu prüfen haben. Damit war weder gemeint, den Gebildeten mehr Macht als dem Staat zu geben, noch eine Gelehrtenrepublik einzurichten. Vielmehr ging es Humboldt um das, was seinen Begriff von Bildung im Kern ausmachte: ihre prinzipielle Unabhängigkeit von vorgegebenen Zwecken und ihr eigener Zweck als Prüfungsinstanz für den Sinn menschlicher Einrichtungen. Auch Humboldt kannte Ausbildungs- und Karrierewege, die konkrete berufliche Ziele und Zwecke hatten. Sie sollten aber darüber hinausgehen und die Gebildeten in die Lage versetzen, aus sich heraus im eigenen beruflichen wie gesellschaftlichen Umfeld das zu erkennen, was im Sinne der Allgemeinheit, der Wahrheit und der Menschlichkeit verbesserungswürdig sei.

    Im heutigen und zumal im deutschen Bildungssystem ist davon kaum mehr etwas übrig. Bildung ist kein Ziel und Zweck des Individuums mehr, sondern nur noch Mittel seiner gesellschaftlichen Beitrags- und Leistungsfähigkeit. Wer heute in bildungspolitischen Diskussionen noch Humboldt zitiert, gilt als veraltet. Stattdessen sind schon seit einer Weile ganz andere Maximen bestimmend: die Pädagogisierung der Bildung etwa, also ihre Verwandlung in ein Erziehungssystem; ihre Didaktisierung, also die Verwissenschaftlichung ihrer eigenen Vermittlung; oder ihre Ökonomisierung, also ihre Ausrichtung an messbarer Effizienz. Von diesen Transformationen ist besonders die geisteswissenschaftliche Bildung betroffen, weil hier individuell-selbstständige Erkenntnisse strukturell relevanter sind als akkumulierte. Dazu drei kurze Blicke in den universitären Alltag der Geisteswissenschaften in Deutschland:

    Der vollständige Beitrag als PDF zum Weiterlesen: Katastrophe ist gar kein Ausdruck_Geulen

    Zuerst erschienen am 24.4.2019 in „Geschichte der Gegenwart“.

     


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    SchoolScooting kommt schon nächstes Schuljahr

    Eine Satire von Christian Bauer (München)

    Nicht ohne Stolz stellte heute in Berlin der Sprecher der Deutschen Kultusministerkonferenz (KMK), Hans Werner Urst, das neue Strategiepapier der Konferenz „SchoolScooting 4.0 – ein Weg in die Bildungsmobilität des nächsten Jahrzehnts“ vor. Dabei verwies er u.a. darauf, dass Tretroller schon längst ein fester Bestandteil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen seien und es deswegen unverzichtbar sei, diese in den Unterricht einzubeziehen. Die Schulen dürften sich der Lebenswirklichkeit nicht verschließen.

    Begrüßt wurde die Entscheidung der KMK vom Vertreter des Verbandes der Tretroller- und E-Scooterhersteller TrittKomm; der Verband hatte schon lange die Modernisierung der Schulmobilität angemahnt. Einmütig verwiesen Urst und Trittkomm auf die zukunftsweisenden Chancen des E-Scootereinsatzes im Unterricht, die sich nicht etwa darauf beschränkten, dass Kinder und Jugendliche unter Verwendung von Scootern den Schulweg schneller bewältigen, aufgrund der eingesparten Zeit länger schlafen und somit ausgeruhter den Unterrichtstag beginnen könnten; vielmehr eröffne die Scooternutzung in der Schule bisher nicht gekannte didaktisch-pädagogische Möglichkeiten: so könnten Schülerinnen und Schüler z.B. die Wege von der Sporthalle oder dem Pausenverkauf in die Klassenzimmer schneller zurücklegen, was dort zu einer beträchtlichen Erhöhung der effektiven Lernzeit führe.

    Warnungen von Sportpädagogen und Unfallforschern, dass Elektroroller die Bewegungsarmut der Kinder weiter beförderten und der Scooterverkehr in den engen Gängen der Schulhäuser eine beträchtliche Unfallgefahr darstelle, wies der KMK-Sprecher als „abwegig“ und „fortschrittsfeindlich“ zurück.

    Gleichzeitig mit der Erklärung der KMK veröffentlichte die renommierte Tretelsmann-Stiftung eine Studie, die belegt, dass Kinder und Jugendliche besonders nachhaltig lernen, wenn sie auf dem E-Scooter fahren (deep riding). Daher müssten die Klassenzimmer deutscher Schulen nicht nur schnellstmöglich mit Ladestationen ausgestattet werden, sondern auch so umgebaut werden, dass die Schülerinnen und Schüler während des Unterrichts im Klassenzimmer umherfahren könnten, ohne durch Tische und Stühle gehindert zu werden. Schon seit der Antike wisse man, dass Bewegung das Lernen fördere. Die Kritik des Hirnforschers Prof. Dr. Stumpfer, der darauf verwies, dass die peripatetischen Philosophen der Antike nicht umhergefahren sondern gegangen seien und dass darüber hinaus das Balancehalten und Vermeiden von Zusammenstößen beim Scooterfahren während des Unterrichts so viel Aufmerksamkeit absorbiere, dass der Lernstoff nicht mehr richtig aufgenommen und verarbeitet würde, kommentierte die Stiftung mit den Worten: „Wir kennen Prof. Stumpfer mit seinem rückwärtsgewandten Kulturpessimismus schon lange!“

    Das Bundesverkehrsministerium fördert die flächendeckende Implementierung des SchoolScooting im Rahmen des Scooting-Paktes 4.0 mit mehreren Milliarden Euro. Erste Bundesländer kündigten an, das scooterbasierte Lernen umgehend in den Lehrplänen zu verankern. So sollen z.B. in Bayern bereits im kommenden Schuljahr erste Scooterklassen an Modellschulen eingerichtet werden. Da die Schulen bisher noch nicht über eine ausreichende Zahl von E-Scootern verfügten, werde man nach dem Konzept „Bring your own scooter“ (BYOS) arbeiten. Alle Schulen im Freistaat wurden angewiesen, bis zum Ende des Schuljahres ihren Ausstattungsbedarf zu ermitteln (Ladestationen, Scootergaragen, Verbreiterung von Gängen, Umbau von Treppenhäusern zu Rampen), für alle Fächer und Jahrgangsstufen scooterbasierte Unterrichtskonzepte zu entwickeln sowie die für erfolgreichen Scooterunterricht nötige Fortbildung des Lehrkörpers zu systematisieren.


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    Position des Philologenverbandes Baden-Württemberg

    Der Philologenverband Baden-Württemberg hat im März 2019 ein Positionspapier zur Digitalisierung im Bildungsbereich vorgelegt. Im Folgenden sind die aus den Grundpositionierungen resultierenden Forderungen und das abschließende Fazit wiedergegeben.

    Digitalisierung im Bildungsbereich

    Nicht die Geräte oder Medien sind entscheidend für den Bildungserfolg, sondern die Menschen und die Lerninhalte. In konkreten Lernsituationen können digitale Medien und Geräte dem Lernprozess dienen. Inwiefern das der Fall ist, wo die Chancen und die Risiken liegen, muss untersucht, entsprechende pädagogische Konzepte müssen entwickelt werden. Nur dann kann die Digitalisierung zielgerichtet und gewinnbringend angewendet werden.

    Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Die Frage darf nicht lauten: Wir stellen wegen der notwendigen Digitalisierung von Büchern, Tafeln und Heften auf Tablets um – was können wir mit denen jetzt machen? Sondern: Wir haben einen Bildungsgang mit konkreten Themen und Inhalten: An welchen Stellen können uns Tablets hier beim Lernen phasenweise sinnvoll unterstützen?

    Geräteausstattung: Wenn Digitalisierung gewollt ist, müssen zuallererst die Schulen und Lehrkräfte mit den entsprechenden digitalen Geräten (d.h. Dienstlaptops/Tablets), der notwendigen Netzwerktechnik und breitbandigen Internetverbindungen flächendeckend ausgestattet werden. Dies muss von den Schulträgern, d. h. den Kommunen, finanziert werden. ‘Bring Your Own Device’ , BYOD, ist keine Lösung: Die Lernmittelfreiheit muss garantiert sein, die Qualität der Lernmittel der Schüler darf nicht von der Finanzkraft der Eltern abhängen.

    Gerätewartung: Wenn Lehrkräfte digitale Geräte im Unterricht nutzen sollen, müssen die entsprechenden Infrastrukturen und Geräteparks angeschafft, installiert, gepflegt, gewartet, Software installiert, Benutzer und Lerngruppen eingerichtet werden und vieles mehr. Die Schulen müssen die entsprechende Dienstleistung entweder von externen Experten zeitnah und regelmäßig bekommen oder aber ausreichend Anrechnungsstunden für die Erfüllung dieser Ausgabe durch schulinterne Lehrkräfte in der Form von Netzwerkbetreuern (eigentlich ‘Netzwerkberater’, denn die Betreuung des Geräteparks der Schule ist Sache des Schulträgers, also der Kommune). Die derzeitige Zuweisung von Anrechnungsstunden für die Netzwerkbetreuung (zwei Deputatsstunden pro Schule) müsste hierzu massiv erhöht werden.

    Pädagogische Konzepte und Fortbildung: Bevor an den Schulen flächendeckend digitale Medien und Geräte eingesetzt werden, müssen passende und nachweislich nutzbringende pädagogisch-didaktische Konzepte entwickelt werden. Diese müssen den Lehrkräften in Form geeigneter Fortbildungsangebote vermittelt werden. Auch ist eine sichere Dienst-Emailadresse zur sichereren Kommunikation unter Lehrkräften nötig.

    Datenschutz und Urheberrecht: Die Digitalisierung wirft zahllose ungelöste Fragen in beiden Bereichen auf. Die Umsetzung der seit 25. Mai 2018 gültigen Datenschutzbestimmungen der Europäischen Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO) erfordert aufgrund umfangreicher neuer Kontroll-, Dokumentations- und Berichtspflichten zusätzliche Anrechnungsstunden und Fortbildungsangebote für die örtlichen Datenschutzbeauftragten der Schulen. Die Kultusverwaltung muss den Lehrkräften das notwendige umfangreiche Angebot urheberrechtsfreier digitaler Unterrichtsmedien leicht und benutzerfreundlich zugänglich machen. Dazu könnte eine funktionierende Digitale Bildungsplattform des Landes Baden-Württemberg beitragen.

    Die Digitalisierung darf der Ökonomisierung der Bildung keinen Vorschub leisten. Der Zweck der Digitalisierung darf nicht darin bestehen, den Produzenten digitaler Endgerate und Medienkonzernen neue Absatzgebiete im Schulbereich zu erschließen. Das staatliche Bildungssystem darf von Technologiegiganten und Content-Anbietern nicht abhängig werden. Die staatliche Aufsicht und Zulassungskontrolle für Lernmittel muss auch im Bereich der digitalen Bildungsmedien durchgesetzt werden. Industrie und Medienkonzerne dürfen nicht über Unterrichtsmethoden und Lerninhalte bestimmen.

    Pädagogische Verantwortung und Freiheit der Lehrkräfte

    Die pädagogische Verantwortung bzw. Freiheit der Lehrkräfte darf durch die Digitalisierung nicht eingeschränkt werden. Es darf nicht soweit kommen, dass Lernwege und -inhalte nicht mehr von den Lehrkräften bewusst ausgewählt und eingesetzt (o- der auch nicht eingesetzt) werden, sondern durch digitale Geräte, Medien und Lernsoftware von Dritten (Industrie, Wirtschaft, Medienkonzernen) vorgegeben wer- den.

    Die Personalratsbeteiligungsrechte müssen im Rahmen der Digitalisierung beachtet werden. Laut LPVG (Landespersonalvertretungsgesetz) § 75 Angelegenheiten der eingeschränkten Mitbestimmung, Absatz 4, hat der Personalrat mitzubestimmen über die Einführung grundsätzlich neuer Arbeitsmethoden, die wesentliche Änderung oder wesentliche Ausweitung bestehender Arbeitsmethoden, die Einführung, wesentliche Änderung oder wesentliche Ausweitung der Informations- und Kommunikationsnetze, sowie die Einführung grundsätzlich neuer Formen der Arbeitsorganisation und wesentliche Änderungen der Arbeitsorganisation – also über Maßnahmen wie die Einführung digitaler Informations- und Kommunikationsplattformen, elektronischer Tagebücher usw. Im Rahmen der Digitalisierung muss auch der Arbeits- und Gesund- heitsschutz der Lehrkräfte beachtet werden, zum Beispiel durch die Einrichtung normgerechter Bildschirmarbeitsplätze, die Finanzierung von Bildschirmarbeitsplatzbrillen und die Abwägung von Vorteilen und möglichen Risiken der zusätzlichen Strahlenbelastung durch WLAN.

    Die Strahlungsexposition ist auch für Schüler zu minimieren. Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC), eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation WHO, hat hochfrequente elektromagnetische Felder im Jahr 2011 als ‘potenziell krebserregend’ eingestuft (Gruppe 2B)1. Das Umweltbundesamt empfiehlt 2013: ‘WLAN-Access-Points, WLAN-Router und Basisstationen von Schnurlostelefonen kommen am besten in den Flur oder einen anderen Raum, in dem man sich nicht dauernd aufhält. Schlaf- und Kinderzimmer sind dagegen nicht geeignet.’2 Diese Warnung lässt sich auf Klassenzimmer übertragen. Zu diesem Thema hat der PhV BW ein umfangreiches Positionspapier erarbeitet, welches auf dem Präventionsprinzip beruht. Sollte nach Abwägung von Vorteilen und Risiken WLAN (Internet + kabellose Bildübertragung zum Beamer) an Schulen eingesetzt werden, sollten alle Möglichkeiten der Strahlungsreduktion genutzt werden.

    Fazit

    Zusammenfassend kann man sagen, dass übertriebene Erwartungen an die Digitalisierung auf den Boden der Realität geholt werden müssen. Bildungshypes scheitern regelmäßig. Sie haben sich historisch gesehen immer mehr oder weniger als Flops erwiesen: Operationalisierte Lernziele und maschinengestütztes Lernen in den 1960ern, Sprachlabore und Filmeinsatz in den 1970ern, Video in den 1980ern, fä- cherübergreifender Unterricht und konstruktivistische Lerntheorien seit den 1990ern, Interneteinsatz seit den 2000ern und nun Digitalisierung. Die in vergangene didaktische Moden gesetzten Hoffnungen sind regelmäßig enttäuscht worden. Wer weiß also, ob wir in, sagen wir, fünf Jahren noch über Tablet-Klassen reden werden – viel- leicht sind dann 3-D-Brillen oder ganz andere Geräte der nächste Hype.

    Insofern ist beim Thema Digitalisierung Vorsicht, Maß und Mitte angebracht: Wo Digitalisierung dem Erziehungs- und Bildungsauftrag nachweislich nützt, ist sie hoch willkommen. Aber auch nur dort. Der unreflektierte flächendeckende Einsatz digitaler Geräte ist eine Verschwendung wertvoller Ressourcen, die sinnvoller in Lehrerstellen, eine Verringerung von Deputat und Klassenteiler, also in mehr Zeit der Lehrkräfte für die Schüler, investiert werden sollten.

    Das vollständige Positionspapier des Philologenverbandes 


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  • 10/17/19--01:36: GBW-Regionalgruppe Berlin
  • Im Anschluss an die Wuppertaler Tagung »Im Hamsterrad: Schule zwischen Überlastung und Anpassungsdruck« trafen sich im September erstmals einige Kolleginnen und Kollegen, um auch in Berlin eine GBW-Regionalgruppe zu gründen. Denn viele Berliner Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich mittlerweile als Beschäftigte einer entfremdeten Bildungsindustrie: Klassen mit 32 Schülerinnen und Schülern, 50-Stunden-Wochen und Fließbandarbeit am Schreibtisch bestimmen den Berufsalltag vor allem an Gymnasien. Die planlose Digitalisierung, immer wieder neue Methoden, Tests, Evaluationen und die »Kompetenzorientierung« haben innerhalb von knapp fünfzehn Jahren ein ganzes Berufsfeld verwandelt: Schulen sind Lernfabriken geworden, die in Pädagoginnen und Pädagogen zunehmend Erfahrungen von Ohnmacht erzeugen.

    Ziele der Arbeitsgruppe

    Wir wollen einen Rahmen schaffen, in dem ein kritischer Gedankenaustausch über die oben geschilderte Arbeitssituation entstehen kann. Zudem möchten wir – vor allem mit Vorträgen und Gesprächsrunden – über Umbauprozesse im Bildungssystem, deren Steuerung und Hintergründe aufklären und zum Nach- und Umdenken anregen.

    Themen

    • Digitalpakt: Aktionismus und lobbygesteuerte Digitalisierung
    • Technokratisierung des Unterrichts durch digitale Tools und Kompetenzraster
    • das Menschenbild der »Kompetenzorientierung«
    • Dauerüberlastung und Entfremdungserfahrungen am Arbeitsplatz Schule
    • Prozesse des Change Managements
    • Absenkung des Anspruchsniveaus und »Verbilligung« schulischer Abschlüsse
    • unzureichende Sprachbildung und Sprachförderung

    Wir laden Interessierte herzlich zum nächsten Regionalgruppen-Treffen ein. Termin: 30.10.2019, 19 Uhr

    Anmeldung unter: niboe@posteo.de


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  • 10/22/19--08:48: Scheuklappen statt Weitblick
  • Die medienpädagogische Verkürzung auf Digitaltechnik

    Eine geschäftsführende Rektorin von Grund-, Werkreal-, Real und Gesamtschulen aus Baden-Württemberg wurde im Juli 2019 mit der Aussage zitiert, die Frage nach Sinn oder Unsinn der Digitalisierung von Grundschulen stelle sich nicht mehr, seit es vom Land den Auftrag zur Medienbildung gebe. Die Aussage ist so typisch wie falsch. Die Verweigerung der notwendigen Diskussion über Medien und Medientechnik in Schulen ist ebenso unverantwortlich wie die mittlerweile übliche Verkürzung der „Medienbildung“ auf den Einsatz digitaler Medien.

    Pädagogisch und didaktisch muss für jede Schulform und jedes Fach, für jede Schülergruppen und jede konkrete Unterrichtssituationen im Einzelfall hinterfragt werden, welche Medien beim Erreichen der Lernziele hilfreich sein können und welche nicht. Was in einer Gruppe funktioniert, kann in einer anderen Gruppe scheitern. Für den Medieneinsatz im Unterricht gibt es keine Automatismen, wenn man pädagogisch verantwortlich arbeitet. Eine qualifizierte Lehrkraft agiert auch beim Medieneinsatz gruppenspezifisch. Die Verweigerung bereits der Frage nach Sinn oder Unsinn der Mediennutzung im Unterricht ist zudem ein Angriff auf die Methodenfreiheit der Kolleginnen und Kollegen. Bildungspläne der Länder geben Lernziele vor, nicht technische Geräte oder damit verbundene Lehrmethoden.

    Nicht einmal die technische Ebene der Digitalisierung ist verstanden. Etwas zu digitalisieren bedeutet, Informationen in ein maschinenlesbares Format zu transferieren. Diese technische Transformation wandelt Information in Daten, die von Rechnern und Software weiter verarbeitet werden können. Was genau soll an Schulen digitalisiert, d.h. in Daten konvertiert und Datenverarbeitungssystemen zugeführt werden? Lerninhalte, Lernverhalten, Lernleistungen?

    In den Bildungsplänen Baden-Württemberg steht unter dem Stichwort „Medienbildung (MB)“ übrigens nichts von Verkürzung auf Digitales: „Die Entwicklung unserer Gesellschaft zu einer Mediengesellschaft macht Medienbildung zu einem wichtigen Bestandteil allgemeiner Bildung. Ziel von Medienbildung ist es, Kinder und Jugendliche so zu stärken, dass sie den neuen Anforderungen sowie den Herausforderungen dieser Mediengesellschaft selbstbewusst und mit dafür erforderlichen Fähigkeiten begegnen können. Dazu gehören eine sinnvolle, reflektierte und verantwortungsbewusste Nutzung der Medien sowie eine überlegte Auswahl aus der Medienvielfalt in Schule und Alltag.“ (1)

    Nur: Es wird weder hinterfragt, was unter einer Mediengesellschaft zu verstehen ist noch, was sie von Nicht-Mediengesellschaften unterscheidet. Leider verflüchtigt sich auch die Medienvielfalt, sobald man weiterklickt. Auf der Website des Landesbildungsservers Baden-Württemberg „Medienbildung in der Grundschule“ verkürzt sich das Medien-Spektrum unter der Überschrift „Aus der Medienarbeit der Modellschulen“ dann doch auf Digitales. „Im Rahmen der Medienoffensive Schule II sollte der integrative Einsatz der neuen Medien im Unterricht der Grundschule erprobt und evaluiert werden. Erfahrungen zur technischen Ausstattung sollten ebenfalls gesammelt werden. Besonders richtete sich das Augenmerk aber auf pädagogische Fragen. Der Einsatz des Computers als methodisch-didaktisches Hilfsmittel, als Werkzeug zur Herstellung von Medien, als Lerngegenstand und als Mittel der Kommunikation bildeten die Schwerpunkte.“ (2)

    Auf ins digitale Gefecht: Medienoffensive an Grundschulen

    Wer sprachsensibel ist, stolpert bereits über den Begriff „Medienoffensive Schule II“. Wer oder was soll mit dieser Offensive erobert werden? Sind militärisch und werbepsychologisch besetzte Begriffe das richtige Vokabular für die pädagogische (Medien)Arbeit mit Grundschulkindern? Wer dann Beispiele anschaut, findet für die erste Klasse das Projekt „Ein Fisch aus Pappmaschee“. (3) Die Beschreibung zeigt, dass der Fokus dieser Übung weder auf dem manuellen und kreativen Gestalten mit Papier, Kleister und Farben noch in der Auseinandersetzung mit dem Thema Wasser als Lebensraum liegt. Stattdessen gibt es Handlungsanweisungen für eine kleinteilige, digitale Dokumentation: „Einen Pappmascheefisch herstellen, die einzelnen Schritte fotografieren, zu jedem Bild einen erklärenden Satz von den Schülern aufnehmen, die Bilder formatieren und die gesprochenen Sätze auf die emac – Plattform stellen (durch den Lehrer).“

    Bei der Frage, welche Technik, Software und Know-how zum Einsatz kommen, werden immerhin pauschal „Material zur Herstellung des Pappmaschee-Fisches“ genannt, um dann aber„digitale Kamera, Computer, Programme zur Sound- und Bildbearbeitung (Audacity + irfanview, beides freeware) und Kopfhörer mit Mikrofon“ aufzuführen. Erstaunlich technikfixiert für Erstklässler. Nimmt man die vorauszusetzenden, fachlichen Kompetenzen (Umgang mit der Kamera, Umgang mit dem Internet, Umgang mit dem Mikrofon, Umgang mit Pappmaschee) dazu und schaut sich die angestrebten Kompetenzen an (einen Arbeitsvorgang beschreiben, deutliches Sprechen, Lesekompetenz verbessern, kreative Gestaltung eines Gegenstandes), merkt man schnell, dass das Basteln eines Fischs aus Pappmaschee – für sich genommen ein ideales Gestaltungsthema für Erstklässler, um sie mit haptischen Materialien, Farben und Formen experimentieren zu lassen ­und maritime Lebensräumen zu thematisieren – hier nur zum Heranführen an Rechner und Software missbraucht wird. De facto sind Projekt und Beschreibung der pädagogische Offenbarungseid. Es kommt nicht auf das Tun an, sondern auf die Präsentation im Netz. Willkommen in der Brave New World der Daten-Ökonomie. Welcome in Google Town und Facebook Country.

    Lernverhinderung durch Medientechnik

    Die Engführung der aktuellen Medienpädagogik auf Digitaltechnik behindert vor allem den kindlichen Werkentstehungsprozess als eigenständige, sinnliche Qualität. Wer Menschen im Gestaltungsprozess durch schrittweise Dokumentationspflichten unterbricht, zerstört sowohl die Konzentrationsfähigkeit wie das „bei sich sein im Tun“. Dieser Zustand der Selbstvergessenheit beim Arbeiten oder Spielen heißt „auto-telisch“ (griech. für Selbst und Ziel) und ist als Seinsqualität ein entscheidender Teil der Poiesis, dem schöpferischen Hervorbringen von Werken. In der Kreativitätsforschung wird das heute mit dem Begriff „flow“ (Mihaly Csikszentmihalyi) umschrieben und ist, wie das bildnerische Gestalten, ein nichtsprachlicher Prozess. Wer das Gestalten durch Dokumentationsaufgaben unterbricht, entwertet Prozess wie Ergebnis. Nicht Prozess und modellierter Fisch stehen im Mittelpunkt, sondern die Dokumentation.

    Diese Instrumentalisierung der gestalterischen Fächer bei gleichzeitiger Entwertung der entstehenden Inhalte ist beabsichtigt. Der schöpferische Akt soll nicht mehr als eigene Qualität erfahren, sondern für MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) ausgebeutet werden. Aus MINT wird MINKT. Das „K“ steht verallgemeinernd für Kunst und soll individuelle Potentiale wie Kreativität, Neugier, Spieltrieb und Schöpfungskraft instrumentalisieren. Es ist eine Adaption des US-amerikanischen STEM (Science, Technology, Engineering, Mathematics), das aus gleichem Grund zu STEAM geworden ist. Nach den Vorstellungen der amerikanischen STEAM-Propagandistin Hedda Sharapan würde die Integration der Künste „…den Vorschulkindern die Chance bieten, MINT-Konzepte auf innovative und bildliche Weise darzustellen, ihre eigenen Gedanken zur Welt über Musik und Tanz zum Ausdruck zu bringen, Vorstellungen über Zeichnungen, Anfertigung von Modellen oder Grafiken zu illustrieren oder mit anderen in einer deskriptiven Sprache darüber zu kommunizieren.“ In Deutschland wird das Konzept der Funktionalisierung der Künste von didacta-Chef Fthenakis propagiert, ebenfalls ab der KITA. (4)

    Wie beim Pappmascheefisch als Beispiel wird das bildnerische Gestalten systematisch fach- und sachfremd verzweckt. Statt Entfaltung schöpferischer, nonverbaler und sinnlicher Potentiale und dem Ausleben von Spieltrieb, Neugier und Experimentierfreude dienen künstlerische Fächer nurmehr zur Visualisierung und Heranführung an MINT-Fächer.

    Die Beispiele zeigen, dass die Kombination von Digitaltechnik und Verzweckung von Unterrichtsinhalten bereits in der Grundschule bzw. Kita die Lernleistungen weiter schwächen werden, weil das sinnlich-gestalterische Arbeiten als notwendiges Regulativ und Gegengewicht zu eher kognitiven Fächern utilitaristisch missbraucht statt als eigenständige Qualität und Selbstzweck gefördert wird.

    Kinder sitzen heute immer früher an Bildschirmen. Notwendig wäre daher, in Kitas und (Grund)Schulen ein konstruktives Gegengewicht aufzubauen durch die systematische Verstärkung von sinnlich-motorischen Aktivitäten im Unterricht (Basteln, Malen, Zeichnen, Musizieren) und Sport. Verstärkt werden müssen das Lesen und Schreiben mit der Hand, um dem Verflachen der sinnlichen Welt auf eine Scheibe entgegenzuwirken und Kinder in der realen Welt zu verankern. Dabei ließe sich die Vielfalt der Medien, analog wie digital, altersgerecht und sinnvoll integrieren, wenn es um die Kinder und ihr Lernen ginge. Aber die Frage „nach Sinn oder Unsinn der Digitalisierung von Grundschulen“ stellt sich ja durch den „Landesauftrag Medienbildung“ nicht mehr, der auch von manchen Pädagoginnen und Pädagogen als Digitalisierungsauftrag (miss)verstanden wird.

    Quellen

    1) Bildungsplan Baden-Württemberg (2016): http://www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/Startseite/BP2016BW_ALLG/BP2016BW_ALLG_LP_MB (22.7.2019)
    2) Landesbildungserver Baden-Württemberg: https://www.schule-bw.de/faecher-und-schularten/schularten/grundschule/projekte-medienbildung/modellschulen
    3) Beispiel Pappmascheefisch: https://www.schule-bw.de/faecher-und-schularten/schularten/grundschule/projekte-medienbildung/modellschulen/fisch
    4) Meine KiTa 3-2018, S. 4 – 7, hier zit. n. Niedersächs. Institut für frühkindliche Bildung: https://www.nifbe.de/component/themensammlung?view=item&id=803:aus-mint-wird-minkt&catid=283

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  • 10/26/19--08:57: Freilandversuch an Schülern
  • Interview mit Hochschulprofessor Ralf Lankau: Warum der Digitalpakt ein Freilandversuch an Schülern ist

    Mittelbadische Presse, 25. Oktober 2019, von Jens Sikeler

    Die Ortenauer Schulen profitieren mit rund 20 Millionen Euro von den Mitteln des Digitalpakts. Ralf Lankau, Kunstpädagoge und Professor für Mediengestaltung an der Hochschule Offenburg, bezweifelt im Interview mit der Mittelbadischen Presse, ob das Geld tatsächlich gut angelegt ist. Er hält das für einen Freilandversuch an den Kindern und sogar für gefährlich.

    Link zur Mittelbadischen Presse: Freilandversuch an Schülern
    Interview bei futur-iii.de: Freilandversuch an Schülern


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    Die Digitalisierung der Bildung dient nicht den Kindern, sondern der IT-Branche

    Twistringen – Der Digitalpakt soll den Unterricht der Zukunft gestalten. Aber er hat Schatten, warnt Dr. Matthias Burchardt (MB), Akademischer Rat an der Universität zu Köln im Interview mit Anke Seidel (AS) von der Kreiszeitung

    AS: Herr Burchardt, „Big brother is teaching you“ lautet der provozierende Titel Ihres Vortrags. Sehen Sie die Digitalisierung genauso apokalyptisch wie einst George Orwell – „big brother is watching you“ – in seinem düsteren Zukunftsroman 1984?

    MB: Ohne Abstriche: Ja! Auf den ersten Blick hat die Digitalisierung ja viele Vorteile, aber Shoshana Zuboff, eine amerikanische Ökonomin vergleicht die Prozesse mit der Eroberung Südamerikas durch Kolumbus. Die indigenen Völker wurden mit Glasperlen geködert und dann ausgeplündert. Ähnlich geht es uns mit den vielen smarten Funktionen, die unser Leben effizienter machen sollen, während wir uns dem Datenhunger des Überwachungskapitalismus ausliefern. Es entsteht die Infrastruktur eines möglichen Totalitarismus, der in China im Social-Scoring schon verwirklicht ist. Menschen werden flächendeckend überwacht und von Algorithmen bewertet. Wer kein Wohlverhalten zeigt, wird sanktioniert. Orwell ist im Vergleich dazu fast harmlos.

    AS: Was brauchen Kinder und Jugendliche für eine erfolgreiche Zukunft wirklich?

    MB: Sicherlich müssen sie sich in allen Fächern intensiv mit dem Thema der Digitalisierung beschäftigen. Sie brauchen in diesem Gebiet Fertigkeiten für eine erfolgreiche Berufsbiographie, ebenso allerdings auch Maßstäbe zur Beurteilung der Risiken dieser Technologie, damit sie die humane Zukunft der Gesellschaft mitgestalten können. Ansonsten aber brauchen sie das, was Kinder zu allen Zeiten brauchten: fachliches Wissen, kulturelle Grundfertigkeiten (Lesen, Schreiben, Rechnen), Urteilskraft, Selbsterkenntnis. Am meisten jedoch brauchen sie die Beziehung zu einem menschlichen Gegenüber, zu einer verantwortungsbewussten Lehrkraft, die ihnen Verbindlichkeit und Orientierung bietet. Der Mensch wird am Menschen zum Menschen – an der Maschine wird er selbst zur Maschine.

    Das ganze Interview: Digitalpakt mit Schattenseiten


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  • 11/04/19--04:32: Time for Change – Band 2
  • Schule zwischen Überlastung und Anpassungsdruck, hrsg. von Jochen Krautz und Matthias Burchardt (2019)

    Time for Change Teil II: Im HamsterradLehrerinnen und Lehrern klagen verstärkt über Dauerüberlastung durch Zeitdruck, ausufernde unterrichtsferne Bürokratie, Dokumentationspflichten, Koordinierungsaufgaben und Außendarstellungsrituale. Daneben wachsen die realen pädagogischen Herausforderungen. Unterricht und Erziehung geraten dabei immer mehr an den Rand der täglichen Arbeit. Man wähnt sich im Hamsterrad: Es herrscht rasender Stillstand.

    In dieser Not seufzen Viele: „It’s time for change!“ Hier scheinen die Programme von „Schulentwicklung“ und „neuen Lernformen“ verheißungsvolle Auswege zu bieten. Doch diese Maßnahmen bereiten nicht nur zusätzliche Arbeit, sondern lösen auch die Schule als Ort des Lehrens und Lernens und die professionelle Rolle von Lehrerinnen und Lehrern zunehmend auf.

    These dieses Bandes ist, dass die Überlastungsphänomene zu guten Teilen inszeniert sind, gerade um die Bereitschaft zu wecken, den Prozessen des „Change-Managements“ zu folgen. Diese Programme sind aber im Kern apädagogisch und undemokratisch. Sie untergraben die pädagogische Freiheit und zeigen totalitäre Tendenzen, weil sie von außen gesetzte Konzepte in manipulativen Prozessen durchsetzen.

    Der Band beleuchtet in Vertiefung seines ersten Teils, wie die Steuerung von Schule durch Change-Management und Schulentwicklung mit den konkreten Belastungserfahrungen des Schulalltags zusammenhängt, denn die Beiträge verknüpfen wissenschaftliche Analysen mit kritischen Einblicken in die Praxis.

    Die Offenlegung der Hintergründe hilft dabei, die Vorgänge im Bildungswesen auch im eigenen Handlungsfeld einzuordnen. Dies kann Lehrerinnen und Lehrer darin stärken, ihre pädagogischer Freiheit und Verantwortung wieder im Sinne der jungen Generation sowie von Freiheit, Demokratie und Kultur wahrzunehmen.

    Der Band als PDF-Download: Time for Change, Teil II 2019


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  • 11/04/19--08:22: Free the hamster!
  • 1. Regionalgruppentreffen Rhein/Ruhr mit großer Resonanz

    „Um dem Wahnsinn etwas entgegenzusetzen!“, so beantwortete ein Teilnehmer des ersten GBW-Regionalgruppentreffens Rhein/Ruhr die Frage, was ihn antreibe, um sich an einem Samstag morgen um 10 Uhr in der Alten Feuerwache in Köln einzufinden. Ein anderer war auf der Suche nach dem „Pfeifen im Walde“, nach Kolleginnen und Kollegen von Schulen, Zentren für Lehrerausbildung und Universitäten, die diese alarmierende Diagnose in Bezug auf ihren Berufsalltag teilten, kurz nach Gleichgesinnten. Die sollte er zahlreich finden…

    Denn der ursprünglich für das Treffen vorgesehene Raum reichte nicht einmal aus, um alle kritischen Kolleginnen und Kollegen und an Bildung und Wissen interessierte Personen zu versammeln und musste kurzfristig umgebucht werden. Gerechnet wurde mit 10-12 Personen, wenn es gut laufe, vielleicht 15 Personen – es kamen über 30: Von der frisch gebackenen Lehrerin bis zu langjährig unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen; von Lehrerinnen und Lehrern in befristeten Arbeitsverhältnissen bis zu jenen im „engen Beamtenjäckchen“; von Fachleitern, UniversitätsmitarbeiterInnen und Professoren bis zu Kolleginnen und Kollegen von Förderschulen, Gymnasien und Gesamtschulen sowie ehem. Haupt- und RealschullehrerInnen; von neuen InteressentInnen bis zu langjährigen GBW-Mitgliedern und Mitgliedern großer Lehrerverbände.

    Der Bericht vom Regionaltreffen als PDF: Erfahrungsbericht – 1. Regionaltreffen Rhein/Ruhr

    Für das 2. Regionalgruppentreffen Rhein/Ruhr steht der 8. Februar 2020 als Termin im Raum. Weitere Informationen folgen.


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    Learning Analytics, das Sammeln und Analysieren von großen Datenmengen der Lernenden, sorge für „neue Selektivität“ und betone „Ungleichheit“. Davor warnte Privatdozentin Sigrid Hartong bei einem Expertengespräch des GEW-Hauptvorstandes.

    Beitrag von Matthias Holland-Letz in: Erziehung und Wissenschaft (E&W) Heft 11/2019, S. 32-33

    Die Lehrerin installiert eine App auf ihrem Smartphone. „Damit kann sie das Verhalten ihrer Schüler mit Punkten bewerten, in Echtzeit“, erläutert Privatdozentin Sigrid Hartong. „Die vergebenen Punkte werden in der App mit den Eltern geteilt.“ Mütter und Väter könnten also beobachten, wie sich ihr Kind im Unterricht verhält. „Was heißt das, wenn ich dieses Tool zwischen die Kommunikation mit den Schülern schiebe, zwischen Eltern und Kindern?“. Verbessere sich das Klassenklima, die Disziplin? Besagte App, sie heißt ClassDojo (siehe Links), werde in den USA bereits an 95 Prozent der Schulen eingesetzt. Das erklärt die Erziehungswissenschaftlerin, die an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg forscht. Sie referiert auf Einladung des GEW-Hauptvorstandes in Fulda über „Learning Analytics. Künstliche Intelligenz und Big Data in der Bildung“.

    Ziel von Learning Analytics sei, das Lernen und die Lernumgebung zu optimieren, erläutert die Hochschullehrerin. Dazu nutze Learning Analytics Algorithmen, also Computerprogramme. Vertreten werde die Idee, digitale Technologie nehme Arbeit ab, spare Zeit und ermögliche, „Lernmaterialien individueller zu verteilen“. Zudem gelte sie als „neutral“ – was bei Sigrid Hartong auf Widerspruch stößt: „In jedem digitalen Lerntool, in jeder App, in jeder Schulverwaltungssoftware steckt eine bestimmte Modellierung der Realität.“ Das heißt: Wer programmiert, legt eine Menge Dinge fest. Beispiele laut Hartong: „Wann wird eine Aufgabe als schwer oder leicht eingestuft?“. Oder: „Sorge ich dafür, dass ein Lernprogramm einem Mädchen etwas anderes zeigt als einem Jungen?“. Oder „Gewichte ich etwas mit dem Faktor 2 oder mit dem Faktor 5?“. Die Hamburger Wissenschaftlerin betont: „Politische Einflüsse, Einflüsse von Kultur, von Sprache, welche Werte man wichtig findet – all das fließt mit ein.“ Dateninfrastrukturen seien „hochkomplexe, wertebehaftete Apparate“.

    Festgelegt sei zudem, wie Learning Analytics die analysierten Daten auf dem Bildschirm darstelle. Eine „eindeutige Story“ werde präsentiert, verbunden mit „Handlungsaufforderungen“, der sich Nutzerinnen und Nutzer kaum entziehen könnten. „Würden Sie als Lehrkraft, die vielleicht noch unter Beobachtung der Schulleitung steht, einen roten Balken oder ein blinkendes rotes Ampellicht ignorieren?“, fragt die Erziehungswissenschaftlerin. „Ich glaube nicht.“ Das Programm habe die „mühselige Interpretation der Daten für Sie schon erledigt“. Wo bleibe „das emanzipatorische Element, von dem überall geredet wird?“.

    Sigrid Hartong warnt: Learning Analytics sorge für „neue Selektivität“ und betone „Ungleichheit“. Digitale Tools legten mitunter fest: „Welche Kinder, welche Lehrer, welche Schulen sind besonders risikobehaftet?“. Und: „Sie sind das, so werden sie einer noch intensiveren Beobachtung unterzogen.“ Die Entwickler seien bestrebt, „immer mehr Bereiche“ zu erfassen, auch das Sozialverhalten oder den emotional-körperlichen Bereich von Lernenden. „Beinah alles wird debattiert: Das Auslesen von Gesichtsausdrücken, die Emotion in der Stimme, Körperhaltung, die Art und Weise, wie sie schreiben – bis hin zum Auslesen der DNA“. Und: Die Ausbreitung von Learning Analytics erfolge weltweit „in unglaublichem Tempo“. Diese Entwicklung stößt laut Hartong allerdings auf Argwohn, gerade bei High-Tech-Fachleuten. Sie berichtet, „dass Elterngruppen aus dem Silicon Valley, die Betreiber der großen Digitalfirmen, ihre Kinder eher nicht in solche Schule schicken“. Sondern in Privatschulen, „damit sie noch von Lehrern mit Gesicht beschult werden“.

    Die Wissenschaftlerin erklärt, dass hierzulande auch Stiftungen und Verbände den Einsatz digitaler Tools propagierten. Etwa der gemeinnützige Verein Bündnis für Bildung e.V. (siehe Link). Diese Akteure behaupteten, sie seien „neutral“. Richtig sei: Sie empfehlen zwar nicht einzelne Produkte. „Aber sie sagen, nimm ein Produkt.“ Um Kritik abperlen zu lassen, argumentierten diese Player „mit Partizipation und demokratischer Teilhabe“. Es lohne sich, zu untersuchen, wer hier mit wem diskutiere. „Wer mitreden darf und wer nicht.“ Hartong betont: „Dann verstehen Sie, wie selektiv diese Diskurse sind.“

    Weiterer Punkt: Behörden beginnen, Bildungsdaten mit Daten aus anderen Quellen zu verbinden. In Deutschland sei es gang und gäbe, das Meldewesen „mit Schulverwaltungssystemen zusammenführen“. Auch Gesundheitsdaten, Daten aus der Justiz oder aus der Sozialarbeit könnten in Zukunft miteinfließen. Die Hochschullehrerin nannte ein Beispiel aus England. Betroffen seien „Kinder, bei denen ein erhöhtes Risiko einer kriminellen Gang-Mitgliedschaft behauptet wird“. Ihnen werde eine Software auf PC und Handy aufgespielt. Eine Software, „die 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche schaut, wohin sind sie unterwegs, mit wem treffen sie sich und so weiter“. Sigrid Hartong sieht eine Ausweitung der Datenerhebungen „in Richtung frühkindlicher Bereich“ – mit dem Ziel, „früh präventiv eingreifen zu können“.

    Ilka Hoffmann, GEW-Vorstandsmitglied Schule, verweist auf möglichen „Missbrauch der Daten“. Aus pädagogischer Sicht bestehe die Gefahr, dass man „in ein „Richtig-Falsch-Schema zurückfällt“ – anstatt zu fragen, wie kommen Kinder zu ihren Lösungen. Ansgar Klinger, GEW-Vorstandsmitglied Berufliche Bildung und Weiterbildung, fordert: „Vor der Einführung digitaler Technik brauchen wir pädagogische Konzepte.“ Nötig sei eine „politische Technikfolgenabschätzung“. Und: „Wir brauchen Räume, in denen ein unbeobachtetes Lernen und Arbeiten möglich ist.“

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